Corona droht die Spaltung zu verschärfen –

„Gerecht aus der Krise“ durch bessere Löhne für Beschäftigte

Auch bei den Arbeitnehmereinkommen ist die Corona-Krise deutlich spürbar. Im ersten Quartal 2021 gingen die Bruttomonatsverdienste im Land Bremen inflationsbereinigt um 2 Prozent gegenüber den ersten Monaten des Jahres 2020 zurück. Für das Jahr 2020 meldete das Statistische Landesamt einen Rückgang des Reallohnindex‘ von 1,1 Prozent. Am stärksten betroffen waren vor allem un- und angelernte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in unteren Lohngruppen.

Die tatsächlichen Einkommensverluste fielen noch größer aus, da viele Menschen von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit betroffen waren. Eine Verringerung der Wochenarbeitszeit spiegelt sich in den gängigen Lohnstatistiken, die Stundenlöhne oder Monatseinkommen in Vollzeit vergleichen, jedoch nicht wider.1 Einen Anhaltspunkt bietet dann die Summe der im Land Bremen gezahlten Bruttolöhne und -gehälter, die 2020 im Vergleich zu 2019 um 1,3 Prozent zurückging (deutschlandweit -0,9 Prozent) – ohne Berücksichtigung der Inflation. Die tatsächliche Kaufkraft hat mit rund 1,8 Prozent weit stärker gelitten. Auch diese Werte scheinen im Vergleich zum Einbruch der Wirtschaftsleistung moderat, doch ist der Rückgang der gesamten Bruttolöhne und -gehälter in Bremen erst der sechste seit Erfassung dieser Daten anno 1991, der erste seit 2009 und der bislang weitaus stärkste (nach -0,5 Prozent 1996 und 1997).

Betroffenheit höchst unterschiedlich
Zudem stehen dahinter durchaus sehr unterschiedliche Entwicklungen. Im Verarbeitenden Gewerbe betrug der Rückgang 6,9 Prozent. Die Industrie war vom Reißen internationaler Lieferketten im Frühjahr 2020 besonders stark betroffen, bei Mercedes stehen seither beispielsweise die Bänder immer wieder still. Kurzarbeitsgeld fing im industriellen Bereich das Gros der Einkommensverluste auf, zumal das Kurzarbeitergeld dort auch häufig durch den Arbeitgeber aufgestockt wurde. Im Baugewerbe und im Dienstleistungsbereich insgesamt stieg die Bruttolohnsumme nominal sogar leicht an. Aber auch innerhalb des Dienstleistungssektors ist die Betroffenheit höchst unterschiedlich: Im Bereich Handel, Logistik, Gastgewerbe, Information/Kommunikation2 gab es ein Minus von 2,3 Prozent, bei Finanzen, Versicherungen und Unternehmensdienstleistungen betrug das Minus 2,1 Prozent, im Bereich Öffentlicher Dienst, Erziehung, Gesundheit gab es ein Plus in der Bruttolohnsumme im Land Bremen von nominal 4,1 Prozent. Hier machten sich neben der stabilen Beschäftigungslage noch gute Tarifabschlüsse und auch der Corona-Bonus bemerkbar.

Im Gastgewerbe, in dem die Einkommen ohnehin am untersten Ende des Spektrums im Branchenvergleich liegen, zeigt sich das Problem von Minijobs zudem am deutlichsten: In der Krise waren Menschen in diesen Beschäftigungsverhältnissen die ersten, die ihre Jobs verloren, ein Anspruch auf Absicherung und Kurzarbeitergeld gibt es wegen fehlender Sozialversicherungsabgaben nicht. Die wegfallenden Trinkgelder sind statistisch nicht zu erfassen, für Beschäftigte in der Gastronomie jedoch sicherlich auch von Belang.

Monatliches Brutto bei Vollzeit-Beschäftigung 2020 im Mittel bei 3.598 Euro
Die Auswirkungen der Pandemie auf die Löhne zeigen auch neue Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Hiernach fiel der „Corona-Effekt“ in Bremen mit 1,8 Prozent bei den mittleren Einkommen leicht geringer aus als in Deutschland insgesamt mit 2,0 Prozent. Die Verluste sind im Gastgewerbe mit 7,2 und in der Industrie mit 3,6 Prozent am größten. Das monatliche Brutto bei Vollzeit-Beschäftigung lag in Bremen 2020 im Mittel bei 3.598 Euro – das heißt: die eine Hälfte der Beschäftigten verdiente mehr, die andere weniger. Kurzarbeitergeld ist hier berücksichtigt. 2019 lag das mittlere Einkommen (Median) nur geringfügig niedriger, eine Fortschreibung der Entwicklung der letzten Jahre hätte einen um fast 70 Euro höheren mittleren Monatslohn bedeutet als er tatsächlich ausfiel. Diese Differenz bezeichnet die Bundesagentur als „Corona-Effekt“. Mit 19,2 Prozent arbeitete auch 2020 fast jede/r fünfte Beschäftigte im Land Bremen für einen Niedriglohn und erhielt in Vollzeit maximal 2.360 Euro brutto im Monat. In Bremerhaven trifft dies sogar auf fast 34.000 Menschen oder knapp 23 Prozent der Vollzeitbeschäftigten zu. In einigen Branchen und Berufen liegt der Lohn im Land Bremen sogar oftmals noch niedriger: So verdient über die Hälfte der Menschen in der Gastronomie höchstens 2.000 Euro brutto im Monat – in Vollzeit. In der Körperpflege sind es sogar vier von fünf Vollzeitbeschäftigten, die maximal 2.000 Euro brutto im Monat bekommen. In Reinigungsberufen sind es etwas mehr, in der Lebensmittelherstellung und -verarbeitung etwas weniger als ein Drittel, die trotz Vollzeitbeschäftigung auf nicht mehr als 2.000 Euro Brutto-Monatslohn kommen. Und in der Lagerwirtschaft trifft dies allein auf fast 5.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu. Das sind 31 Prozent der Vollzeit-Beschäftigten in diesem Bereich.3

Schere droht weiter auseinander zu gehen
Trotz (zu) vieler Einzelschicksale in Bezug auf die finanzielle Situation wurde während der Pandemie bislang das Schlimmste verhindert – die verfügbaren Einkommen sind insgesamt noch moderat gesunken. Kurzarbeitergeld hat einiges abgefedert, Massenarbeitslosigkeit wurde verhindert, staatliche Hilfen bereitgestellt. Es besteht jedoch die sehr reale Gefahr, dass im Nachgang der Krise die Schere weiter auseinanderläuft. Natürlich gab es während der Pandemie auch bei vielen Selbständigen hohe Einkommensausfälle. Da sie oft relativ gut verdienen ist die Einkommensungleichheit in der Corona-Krise sogar leicht zurückgegangen.4 Dieser Effekt dürfte aber nur kurzfristig Bestand haben. Denn Einkommen von Selbständigen erholen sich nach Krisen im anschließenden Aufschwung meist schnell und kräftig, für untere Einkommensgruppen, Minijobber oder Langzeitarbeitslose wird es auch nach der Krise schwer, Fuß zu fassen.

Zahl der Milliardäre ist von 2.000 auf 2.700 weltweit gestiegen
Stärker als die Einkommensungleichheit ist die Vermögensungleichheit – und in der Pandemie zählen weltweit, aber auch in Deutschland, einige extrem Vermögende zu den Gewinnern. Die Zahl der Milliardäre ist von 2.000 auf 2.700 weltweit gestiegen, während die Wirtschaftsleistung einbrach, konnten die Superreichen ihr Vermögen um rund 60 Prozent steigern – das sind vier Billionen Euro oder sechs Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Auch in Deutschland ist die Vermögenskonzentration extrem hoch. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (Wochenbericht 29/2020) besaß schon vor der Pandemie das reichste Prozent über 35 Prozent des Nettovermögens, womit dieses eine Prozent mehr als die unteren 90 Prozent der Bevölkerung zusammen besitzt. Das reichste Tausendstel besitzt ein Fünftel des Vermögens in Deutschland. Eine sehr ungleiche Verteilung von Vermögen schwächt nach wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen langfristiges Wirtschaftswachstum, zudem steht sie der Chancengleichheit im Weg und befördert unangemessene Machtausübung.

Erbschaften und Schenkungen
Berechnungen der Financial Times zeigen, dass die Zahl der Milliardäre hierzulande in der Pandemie um 29 auf 136 Personen gestiegen ist. Deren Vermögen sind im Jahr 2020 um mehr als 100 Milliarden Euro oder drei Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands angewachsen – während diese im gleichen Zeitraum um circa 170 Milliarden Euro oder 4,9 Prozent schrumpfte. Zwei Drittel der Vermögen der deutschen Milliardäre sind nicht durch eigene Arbeit geschaffen wurden, sondern durch Erbschaften und Schenkungen. Und während sich die Weltwirtschaft in einer tiefen Rezession befand, haben die Aktienkurse vieler weltweit agierender Unternehmen deutlich an Wert gewonnen. Die im Dax gelisteten Unternehmen in Deutschland haben im ersten Quartal 2021 die größten Gewinne der vergangenen zehn Jahre gemacht. Staatlichen Hilfen und Kurzarbeit standen Dividendenausschüttungen an Aktionärinnen und Aktionäre gegenüber.5 Der Staat hat viel gestützt, er sollte zukünftig auch wieder mehr korrigieren. In Deutschland sinkt die Progression der Besteuerung,6 der Anteil der Lohnsteuer am Steueraufkommen ist von 14 Prozent 1965 auf über 28 Prozent 2020 gestiegen. Steuern auf Vermögen und Erbschaften gingen hingegen stark zurück. Der Körperschaftsteuersatz wurde immer weiter abgesenkt und beträgt heute 15 Prozent statt 56 Prozent, wie noch bis zum Ende der 1980er Jahre. Die tatsächliche Belastung vieler multinationaler Unternehmen liegt durch Gewinnverschiebungspraktiken noch deutlich darunter. Die Gewerbesteuer wurde stark verengt, eine Gewerbekapitalsteuer existiert seit 1997 nicht mehr.

Erwerbstätigkeit schützt nicht vor Armut
Vor der Pandemie stiegen die Einkommen von Beschäftigten spürbar. Die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen – hier wird das Geld zugrunde gelegt, das die Haushalte am Ende nach Abgaben und Transfers tatsächlich ausgeben können – ist seit 2015 tendenziell leicht gesunken. Dies vor allem, da sich seitdem die Löhne und Einkommen der einkommensschwächeren Haushalte – auch durch Maßnahmen wie den Mindestlohn – erhöht haben. Die Einkommensungleichheit liegt gleichwohl heute noch so hoch wie 2005, als die Arbeitslosenzahlen doppelt so hoch waren. Materielle Ungleichheit hat also trotz Wirtschafts- und Beschäftigungsboom nicht abgenommen, das einkommensschwächste Fünftel der Menschen in Deutschland hat heute inflationsbereinigt sogar weniger Geld zur Verfügung als vor zwanzig Jahren. Und Erwerbstätigkeit schützt schon länger nicht mehr automatisch vor Armut.

Kapitaleinkommen wachsen schneller als Lohneinkommen
In der langen Frist ist die Lohnentwicklung vom Produktivitätswachstum abgekoppelt. Kapitaleinkommen wachsen schneller als Lohneinkommen. Daher muss man zum einen darüber nachdenken, wie Beschäftigte besser am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt werden können, sei es über Mitarbeiterkapitalbeteiligungen oder anderswie. Denn Vermögensaufbau muss auch mit einem „Normalverdienergehalt“ möglich sein – heute können sich viele jedoch nicht mal mehr die Miete in beliebten Ballungsgebieten leisten. Zudem braucht es vermehrte Qualifizierungsanstrengungen und Regulierungen am Arbeitsmarkt, um prekäre Beschäftigung zurückzudrängen, Schutzmechanismen zu installieren und Erwerbsverläufe zu ermöglichen, die nicht in Altersarmut enden. Ein höherer Mindestlohn würde helfen, die Tarifbindung muss gestärkt werden und die Preise dürfen nicht schneller steigen als die Löhne.7 Konkret in der jetzigen Situation sollte außerdem über eine faire Lastenverteilung der Corona-Kosten nachgedacht werden. Extrem große Vermögen und Einkommen werden ihren Anteil zur Bewältigung der Krise leisten müssen.

Soziale Durchlässigkeit in Deutschland gering
Auch wenn die Einkommenszahlen noch nicht alarmierend sind, schlummert in der Krise eine große Gefahr, wenn nicht nur die soziale und wirtschaftliche Teilhabe vieler Menschen im Nachgang der Pandemie eingeschränkt bleibt, sondern gerade auch die junge Generation dauerhaft abgehängt wird. Schulschließungen beispielsweise werden sich langfristig für jene, die ohnehin nicht die besten Startbedingungen ins Arbeitsleben haben, negativer auswirken als für andere. Ein Staat, der vermehrt das Sparen in den Vordergrund rückt, wird aber nicht ausreichend Bildung und Chancengleichheit gewährleisten. Schon vor Corona waren Chancen in Deutschland ungleich verteilt. So bestimmen nicht nur die soziale Herkunft und die Bildungsstufe der Eltern die Bildungschancen ihrer Kinder,8 auch im Hinblick auf das Einkommen ist die Durchlässigkeit in Deutschland so gering wie in kaum einem anderen OECD-Staat: Kinder reicher Eltern haben oft ebenfalls ein hohes Einkommen – Kinder armer Eltern finden sich später hingegen viel zu oft selbst am unteren Ende der Einkommensskala wieder.9

Im Aus- und Nachlauf von Krisen lauert die größte Gefahr für die soziale Spaltung. Deshalb sollten am Aufschwung, der hoffentlich nach der akuten Krise in Sicht ist, alle Beschäftigten angemessen teilhaben.


1 Laut Statistischem Landesamt geht mit dem starken Anstieg der Kurzarbeit ein erhöhter Erklärungsbedarf bei der Interpretation der Zahlen einher. Die dort veröffentlichten Bruttoverdienste beinhalten ausschließlich die von Arbeitgeberseite gezahlten Verdienste, das Kurzarbeitergeld ist als Lohnersatzleistung der Bundesagentur für Arbeit nicht enthalten. Beschäftigte in Kurzarbeit gehen entsprechend mit gekürzten Verdiensten und gekürzten Arbeitsstunden in die Statistik ein. Arbeitnehmer:innen in „Kurzarbeit Null“ werden nicht erfasst. Stocken Betriebe das Kurzarbeitergeld ihrer Beschäftigten auf steigt dadurch statistisch sogar der effektive Stundenlohn.  
2 Tiefer gegliederte Zahlen liegen leider noch nicht vor, es ist anzunehmen, dass innerhalb dieser Gruppe die Unterschiede wiederum groß sind und Logistik, IT und Online-Handel eher profitiert, Beschäftigte im Gastgewerbe und im stationären Handel eher Einkommensverluste zu beklagen hatten.
3 Siehe Bundesagentur für Arbeit: Sozialversicherungspflichtige Bruttomonatsentgelte (Jahreszahlen)
4 Siehe Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: Wochenbericht 18/2021
5 Für viele Zahlen in diesem Abschnitt siehe die Kolumne von Marcel Fratzscher in der ZEIT: „Milliardäre sind die Pandemiegewinner“ (20. Mai 2021).
6 Siehe auch KammerPosition „Gerecht besteuern“
7 Die momentan hohe Inflation beruht auf speziellen Effekten, beispielsweise dem Auslaufen der befristeten Mehrwertsteuersenkung und gestiegenen Import- und Energiepreisen. Sie führte jedoch dazu, dass erstmals seit zehn Jahren die bereinigte reale Tariflohnentwicklung negativ ausfiel: Die Preise stiegen zuletzt stärker als die Tariflöhne. Es bleibt bei kommenden Tarifabschlüssen deutlich Spielraum nach oben, ohne Inflationsgefahren zu schüren. Eine „Lohn-Preis-Spirale“ droht keineswegs.
8 Laut Hochschul-Bildungs-Report 2020 beginnen 74 Prozent der Akademikerkinder ein Studium (Nicht-Akademikerkinder: 21), 63 Prozent erreichen einen Bachelor-Abschluss (15) und 45 Prozent einen Master-Abschluss (8). Zehn Prozent promovieren. Unter Kindern von Nicht-Akademikern ist es eins von 100.
9 Siehe OECD (2018) – A Broken Social Elevator? How to Promote Social Mobility.

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